«Eine gute Predigt ist wie ein reinigendes Gewitter»

Der Berner Pfarrer Gottfried Locher will mit einer Videobotschaft für Ostergottesdienste in der Kirche werben. Denn der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes ist überzeugt: «Kirche macht glücklich.»

 

Herr Locher, freuen Sie sich auf Ostern?

Gottfried Locher: Ja, und wie! Weil Sie Ostereier mögen? Wenn schon, dann lieber Schoggihasen. An Ostern hat es ja für alle etwas. Sogar für die, die vom Leben mehr erwarten als Eiertütschen und Süssigkeiten.

 

Glauben Sie an die Auferstehung?

Ja. Ich glaube an die Auferstehung. Nur meinen damit nicht alle das gleiche.

 

Was meinen Sie?

Seit Ostern hat der Tod nicht mehr das letzte Wort. Es gibt mehr als dieses Leben hier. Das bedeutet Auferstehung.

 

Glauben Sie, dass der Mensch Jesus Christus an Ostern wirklich vom Tod auferstanden ist, wie es in der Bibel beschrieben ist?

Ja, das glaube ich. Aber die Auferstehung ist ein Wunder. Und weil sie ein Wunder ist, kann sie niemand historisch beweisen. Trotzdem hat sie die Welt verändert. Aus dem Wunder wurde Geschichte.

 

In den reformierten Kirchen gibt es Pfarrer, die nicht an die Auferstehung glauben und an Ostern trotzdem predigen. Was sagen Sie als höchster Repräsentant der Reformierten in der Schweiz dazu?

Ein Pfarrer soll auf der Kanzel frei sagen, wie er persönlich die Botschaft der Bibel versteht. Da soll ihm niemand dreinreden.

 

Kann also jeder Pfarrer erzählen, was er will?

Nein. Jede Pfarrerin, jeder Pfarrer hat ein Ordinationsgelübde abgelegt. Wer ordiniert ist, wird zum Diener am Wort Gottes. Und dieses Wort ist nun mal die Botschaft von Jesus Christus.

 

Also gehört die Auferstehung nicht zwingend zur «Botschaft von Jesus Christus».

Doch. Die Auferstehung ist die Vollendung dessen, wovon Jesus ein Leben lang gesprochen hat und wofür er gestorben ist. Das gehört zum Kerngehalt unseres Glaubens. Christentum ohne Auferstehungshoffnung, das wäre eine trostlose Vorstellung! Aber in Glaubensfragen darf man niemanden zu etwas drängen, nicht einmal die, die von der Kanzel predigen. Wahrheit und Zwang vertragen sich schlecht.

 

Kein Wunder also, dass kritisiert wird, man wisse nicht recht, wofür die reformierte Kirche stehe. Fehlt ihr halt doch das gemeinsame Bekenntnis?

Fast überall in der Welt haben die Reformierten klare Bekenntnisse. Die gehören zum Glaubensschatz aller Kirchen. Für unsere Reformatoren Zwingli und Bullinger war das selbstverständlich. Ich muss Ihnen sagen: für mich auch. Die angebliche Bekenntnisfreiheit finde ich unehrlich.

 

Das können Sie als Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes ändern. Arbeiten Sie daran?

Sicher nicht daran, meine Sicht andern aufzuzwingen. Lieber versuche ich, dem Glauben neue, klare Worte zu geben. Was das heisst, «evangelisch-reformiert», muss klarer werden. Beides ist wichtig: «reformiert», also die Gestalt unserer Kirche, und «evangelisch», also die Grundlage. Für den Glauben entscheidend ist das zweite: das Evangelium.

 

Beelendet es Sie, zu wissen, dass viele Leute Ostern vorab mit dem verlängerten Wochenende und einem Schoggihasen verbinden?

Nein. Es geht im Leben nicht nur um Geist und Glauben, es geht auch um Leib und Lebensfreude. Feste sind ein Vergnügen. Schade wäre aber, wenn der Schoggihase und das Eiertütschen schon alles wären, was man von Ostern erwartet. Die Kirche hat mehr zu bieten als das. Ein Ostergottesdienst ist auch ein Vergnügen. Mein Favorit: die Osternacht.

 

Aber für die meisten ist Ostern kein Grund mehr, zur Kirche zu gehen.

Dann müssen wir dafür sorgen, dass es wieder einen Grund gibt.

 

Haben Sie ein Rezept, um mehr Leute in die Kirche zu bringen?

Rezepte sind Geschmackssache. Aber die Zutaten kenne ich: Man nehme eine verständliche Sprache, glaubwürdige Gebete, gute Musik, eine lebensnahe Botschaft. Ich versuche das auch: Wir haben eine Videobotschaft zu Ostern gemacht. Darin kommt Mani Matter vor und eine Zugfahrt – mehr verrate ich nicht (ab Mittwoch auf www.sek.ch, Anm. Redaktion).

 

Sie halten im Zug eine Predigt?

Nein. Aber es geht schon um mehr als um Schoggihasen.

 

Machen Ihnen leere Kirchenbänke Angst?

Sie machen mich vor allem traurig. Da hätten wir doch in jedem Dörfli einen so schönen Ort, um unserer Seele etwas zuliebe zu tun, und trotzdem fühlen sich viele dort nicht zu Hause. Ich höre hundert Gründe, warum das so sei. Und es gibt auch gute Gründe. Aber hatte die Kirche nicht zu allen Zeiten irgendwie Gegenwind? Irgendwie gehört das zu ihr. Nur langweilen müsste sie eigentlich niemanden. Das gilt heute, so wie es gestern galt, und es wird morgen nicht anders sein. Zu wichtig ist das, was sie uns zu sagen hat. Ich bin Pfarrer, weil ich an die Zukunft der Kirche glaube. – Übrigens, es gibt auch volle Kirchenbänke, und zwar an vielen Orten. Über die darf man sich auch mal freuen.

 

Aber viele sind leer. Was machen die Pfarrer falsch?

Dass die Schweiz heute zahlenmässig weniger christlich ist, ist nicht ihr Fehler. Jahrhundertelang gingen in unserem Land die meisten Leute zur Kirche. Warum sie gingen, ob aus echtem Bedürfnis oder weil es zum guten Ton gehörte – keine Ahnung. Diese Zeiten sind so oder so vorbei. Und das macht auch nichts. Ich trauere der Vergangenheit nicht nach. Mich interessiert die Zukunft.

 

Aber?

Aber mir tut es leid für jeden, der keinen Zugang findet zu unserer Kirche. Hier kämen echte Lebensfragen zur Sprache. Die Bibel ist voll davon. Und auch von möglichen Antworten. Es reut mich, wenn es uns nicht gelingt, den Menschen Lust darauf zu machen.

 

Sie sagten einmal, Kirche habe den Auftrag, glücklich zu machen. Wie glücklich sind Ihre Kinder, wenn sie in den Gottesdienst müssen?

Jedenfalls glücklicher als eine Stunde vor dem Gottesdienst, wenn ich sie wecke Ich glaube, die spüren schon, dass Glück mehr ist als nur ausschlafen. Das Glück, von dem ich spreche, ist nicht ein oberflächliches Wellness-Gefühl, sondern ein sinnerfülltes und angstfreies Leben. Und Sterben.

 

Hansi Hinterseer sagt auch, seine Musik mache glücklich.

Macht sie ja vielleicht auch! Es gibt eine ganze Industrie, die glücklich machen will. Der Kirche tut es ganz gut, dass sie endlich Konkurrenz hat. Zu lange genoss sie eine Monopolstellung für Sinnfragen. Monopole sind ungesund. Wer der Einzige auf dem Platz ist, der muss sich keine Mühe mehr geben.

 

Aber mit Glück bringt man die Kirche nicht unbedingt in Verbindung, eher mit Vorschriften und Lustfeindlichkeit.

Also, ich erlebe meinen Glauben weder lustfeindlich noch als Bevormundung. Das Evangelium ist eine frohe Botschaft, keine mühselige. Kirche macht glücklich, nicht griesgrämig.

 

Diesen Winter haben Sie an einem hundsgewöhnlichen Sonntag einen Gottesdienst in Signau besucht. Machten Sie dort eine Qualitätskontrolle?

Nein. Ich lerne lieber von meinen Pfarramtskollegen. In meiner Arbeit hat man plötzlich keine Ahnung mehr, was in den Kirchen draussen läuft. Das ist schlecht. Deshalb gehe ich oft irgendwo in den Gottesdienst – und meinte, ich könnte das unerkannt tun

 

Wann ist eine Predigt eine gute Predigt?

Sie ist ein Kunstwerk. Da muss vieles stimmen. Zum Beispiel soll sie mich herausfordern, mir etwas «z’chätsche» geben. Eine gute Predigt streitet mit mir. Das ist wie ein reinigendes Gewitter.

 

Stört es Sie, dass Christen in der Schweiz kaum über Religion sprechen?

Nein, wir Schweizer sind so, und wir Berner erst recht. Aber in den letzten Jahren wurde die Kirche wieder stärker zum Thema.

 

Herausgefordert durch den Islam?

Vermutlich. Wir besinnen uns vermehrt auf unsere Wurzeln und wollen wissen, was unser Christsein eigentlich bedeutet. Plötzlich gibt es viele Religionen und Weltanschauungen bei uns. Das ist neu, und das verunsichert.

 

Ist der Religionsfrieden in der Schweiz bedroht?

Zum Glück nicht unmittelbar, aber Spannungen können jederzeit aufbrechen. Darum sollen wir den Menschen anderer Religionen mit Respekt und Wohlwollen begegnen. Und gleichzeitig sollen wir die christlichen Werte klar beim Namen nennen und danach leben. Die Illusion, dass sich alle Religionen irgendwann vereinigen, habe ich nicht. Es gibt Verbindendes, und es gibt Trennendes. Das wird so bleiben.

 

Wie haben Sie es mit Weltuntergangsprophezeiungen?

Meinen Sie den Maya-Kalender? Mir ist der Adventskalender lieber, ehrlich gesagt. Aber sich daran erinnern, dass dieses Leben nicht ewig dauert, das ist nicht falsch. Mindestens der persönliche Weltuntergang kann jederzeit eintreffen. Wir wissen nicht, wie alt wir werden. Nur eines sollte man dabei nicht vergessen: Ostern. Der Tod hat eben nicht das letzte Wort.

 

(Susanne Graf,  Berner Zeitung)