Kontroverse Zitate: Gottfried Locher irritiert mit Aussagen zur Prostitution

Bei einer Vernissage in Bern wird heute das neue Buch von SEK-Präsident Gottfried Locher präsentiert. Es trägt den Titel «Der 'reformierte Bischof' auf dem Prüfstand». Einige Aussagen über Prostitution sorgten bereits für Aufsehen. Unbefriedigte, unruhige Männer würden ein Gewaltpotential bergen. Deshalb müsse man den Prostituierten dankbar sein, sie trügen zum Frieden bei, schreibt Locher unter anderem.

Der Präsident des Schweizerischen Kirchenbunds (SEK) ist bekannt für pointierte Aussagen. Mit solchen geizt er auch in seinem neuen Buch nicht. Unbefriedigte, unruhige Männer würden ein Gewaltpotential bergen. Deshalb müsse man den Prostituierten dankbar sein, sie trügen zum Frieden bei, schreibt Locher unter anderem. Es sei nicht gut so, aber es sei so. Gleichzeitig würden diese Frauen an Langzeitschäden an Leib und Seele leiden. «Christen, welche die Prostituierten verabscheuen, müssen sich fragen, wie sie noch zu jener Gemeinschaft gehören können, die Jesus im Sinne eines geschwisterlichen Umgangs miteinander ins Leben gerufen hat.»

 

«Versuchungen sind Triebfedern für Faule»

Auch über andere Themen nahm Locher kein Blatt vor den Mund. Mit dem Wort Solidarität habe er zum Beispiel Mühe: «Ich weiss nie genau, was man damit meint. Wenn du im Dreck steckst und ich stelle mich zu dir, dann stecken wir beide im Dreck. Bin ich jetzt solidarisch? Oder wenn ich zurufe: 'Nur Mut, ich denke an dich dort unten im Dreck', bin ich dann solidarisch?» Locher bevorzugt deshalb das Wort Nächstenliebe: «Weder euphorisch gleich mit in den Dreck springen, noch distanziert lächelnd zuwinken und zuschauen. Stattdessen Brücken bauen und Hand reichen.» Die Versuchung verteufelt Locher nicht : «Versuchungen sind unverzichtbare Impulse. Sie reizen, inspirieren, machen mich kreativ. Versuchungen sind Triebfedern für Faule.» Es seien die grossen und kleinen Verlockungen, die das Gewissen ständig in Betrieb hielten.

 

Gott als Kampfansage an den Intellekt

Jesus sei nicht einfach ein lieber Mensche gewesen: «Wer von sich sagt, er sei die Wahrheit, ist ein etwas schwieriger Gesprächspartner. Der Mann aus Nazareth sah sich als Wegweiser. Im wörtlichen Sinn ein Besser-Wisser.» Und auch Gott ist nicht einfach klar. «Wer Gott sagt, spricht von etwas, wozu er nichts zu sagen hat... Jedes Gottesbild ist ein Skandal für die Vernunft.» Und damit sei Gott «eine Kampfansage an den in sich selbst verliebten Intellekt». Das macht auch ihm selbst keine Freude: «Ich habe sozusagen theologische Kopfschmerzen, die ein reiner Humanist ohne Gottesglaube bestimmt nicht erleiden muss.» Locher selbst sei ein typischer junger Mann gewesen, mit den vier Träumen junger Männer: «Frauen, Freiheit, Kohle, Karriere.» Und über die eigenen Untugenden bekennt er: «Heikel wird es immer dann, wenn ich unter Zeitdruck stehe. Dann kann ich harsch reagieren. Worte können verletzen. Hinterher tut es mir immer schrecklich leid.»

 

Negative Reaktionen

In den Aussagen zur Prostitution sieht EVP-Nationalrätin Marianne Streiff ein Problem in der Darstellung der Männer. Die sei beleidigend, als ob sie Tiere wären, die ihre Triebe nicht im Griff hätten, meinte sie gegenüber der NZZ am Sonntag.

 

Ein sexistisches Weltbild, in dem Frauen als Ventil der männlichen Lust zu dienen haben, attestierte die Mediensprecherin der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, Rebecca Angelini, laut der Zeitung dem obersten Reformierten. Das seien Vorurteile. Locher selbst scheint erstaunt über die Kontroverse, die seine Worte auslösten. Er habe versucht, die ganze Widersprüchlichkeit der Prostitution zu beschreiben. Als Kirchenvertreter müsse er der Realität in die Augen schauen.

 

(Quelle: Livenet / idea Schweiz / Kipa vom 11.11.2014)